In den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts etablierte sich mit der Zukunftsforschung eine neue wissenschaftliche Disziplin. Damals waren die Menschen von einer allgemeinen Aufbruchstimmung erfasst, und es herrschte eine weitverbreitete Zuversicht und Zukunftsgläubigkeit. Rund um den Globus hielten es Regierungen wie Unternehmen für unabdingbar, die Zukunft zu analysieren und mit Hilfe der daraus gewonnenen Erkenntnisse in eben diese Zukunft hinein zu planen und zu wirken. Hierdurch wurde die Zukunft geradezu gegenwärtig, da man sich allenthalben auf die Verwirklichung der fixierten Visionen vorbereitete. Wer hierbei das attraktivere und erfolgreichere Zukunftskonzept verfolgte, war auch in der Gegenwart der Attraktivere und Erfolgreichere. Zu diesem Zweck entstanden weltweit sogenannte Delphiprojekte, in denen sich die Zukunftsforscher tummelten, um in Anlehnung an das antike Orakel von Delphi die Mächtigen dieser Welt zu beraten.
Selten zuvor war der Blick in die Zukunft so einträglich wie in jener Zeit. Ein reich gewordener Guru der Zunft der Futurologen war der amerikanische Physiker und Mathematiker Hermann Kahn (1922-1983). Er meinte, es käme darauf an, dass wir heute von der Zukunft und nicht mehr von der Vergangenheit lernten. Seine Prognosen fanden weltweit Beachtung, stellten sich aber im Nachhinein als recht beliebig heraus. So prognostizierte er beispielsweise in seiner 1967 gemeinsam mit Anthony J. Wiener verfassten Schrift »Ihr werdet es erleben«, dass im Jahre 2000 U-Boote Massengüter durch die Weltmeere transportieren würden und Supraleiter entwickelt worden sein werden. Das war eine sich als Fehlprognose, das andere trat ein.
Diese Zuversicht und Gewissheit der Futurologen beeindruckten damals auch mich. Es war vor allem das Wissen um meine eigene Hellsichtigkeit, weshalb ich mich seinerzeit bereits in jungen Jahren für die Methoden und Prognosen der Zukunftsforscher interessierte. Allerdings stellte ich dabei sehr schnell fest, dass wir im Grunde nichts miteinander gemein hatten. Meine Methode war die Intuition und der Gegenstand meiner Prognose war meine Mitwelt und ich. Gleichwohl faszinierte mich die Methodik der Futurologie. Gewährleistete sie doch offensichtlich durch ihre systematisierte Verfahrensweise scheinbar fundierte Einsichten in die Zukunft. Folglich stellte ich mir die Frage, ob durch eine gleichermaßen ausgereifte Methodik die intuitive Hellsicht so weit gelehrt werden könnte, dass sie auch von Menschen ohne erkennbar ausgeprägten sechsten Sinn erlernbar und beherrschbar wäre. Dementsprechend setzte ich mich über einen längeren Zeitraum mit diesbezüglichen Arbeiten der Parapsychologie auseinander, sammelte Berichte zu Wahrnehmungen des sechsten Sinnes und interviewte verschiedene praktizierende Wahrsager. Vor allem aber beobachtete ich meine eigene Wahrsagefähigkeit, hielt dazu in einem Art Tagebuch jene Empfindungen und Zeichen fest, durch die sich mir mein sechster Sinn mitteilte, beschrieb bedeutsame Situationen und zeichnete meine Sichten und Prognosen auf, um deren Schärfe zu überprüfen beziehungsweise den Grund für etwaige Unschärfen meiner Sicht auszumachen. In dieser Weise sammelte ich über die Jahre hochinteressantes Material zur Wahrsagekunst und entwickelte sukzessive eine Methodik, wie sich diese Kunst vermitteln und verfeinern lässt.
Neben dem methodischen Ansatz, die Wahrsagekunst lehrbar zu machen, drängte mich noch ein zweiter Umstand, einen brauch- und messbaren Kurs im Wahrsagen und zur Schulung der Intuition zu entwickeln: nämlich die fortwährende Missachtung und Verunglimpfung der intuitiven Zukunftsschau. Man könnte annehmen, dass durch die Etablierung der Futurologie als wissenschaftliche Disziplin, Hellsicht und Wahrsagen insgesamt mehr Beachtung und Wertschätzung entgegengebracht worden wäre; doch das Gegenteil war der Fall. Dank der »überzeugenden« Prognosen der Zukunftsforschung erachtete man weithin jegliche intuitive Zukunftsschau als überkommenen Humbug. Diese Ignoranz fügte sich in die jahrtausendalte Ablehnung und Verfolgung der Wahrsagerei als Zauberkunst und Frevelhaftigkeit durch die Kirche. Allein der Blickwinkel unterschied sich ein wenig. Für die Zukunftsforschung waren intuitive Voraussagen schlichtweg unwissenschaftlich und damit indiskutabel. Dagegen stellte die herkömmliche Ablehnung der Wahrsagekunst durch die Priesterschaft deren Möglichkeiten und Anspruch nicht in Frage; der wirksame Blick in die Zukunft war unbestritten. Die Schicksalsschau wurde vor allem deswegen verfolgt und verurteilt, weil sich durch sie der Gläubige dem Willen Gottes respektive der Schicksalsmächte entziehen konnte, indem er sein Geschick in weiser Voraussicht so lenkte, dass ihm das von der Vorsehung Zugedachte erspart blieb. Dies war im Auge der Kirche Ketzerei.
Mein Bestreben war es daher auch, der allgemeinen Geringschätzung der Wahrsagekunst durch ein überzeugendes Konzept, das heißt einer Lehr- und Trainingsmethode, entgegenzutreten. Durch ein abgestimmtes Training des sechsten Sinnes sollte ein jeder, der sich auf die seit Menschengedenken angewandten Prinzipien und Techniken der Wahrsagekunst einlässt, soweit befähigt werden, dass er imstande ist, für sich selbst Prognosen zustellen, die über eine simple Einschätzung möglicher Risiken und Chancen hinausreichen. Die sich so ergebende Zukunftsschau sollte zudem als eine ebenso bewusste wie emotional verankerte Sicht erlebt werden. Dies bedeutete für mich, die Techniken der intuitiven Zukunftsschau soweit zu systematisieren und zu objektivieren, dass sie den Interessierten ein dauerhaftes Fundament bieten würden, auf dem sie ihre Intuition weiter schulend entwickeln könnten. Praktisch jedermann sollte durch die erteilten Lektionen seine Intuition und Wahrsagekunst zu einem für ihn verlässlichen Sinn ausbilden können. Zahlreiche zustimmende Leserzuschriften zu diesem Werk belegten mir, dass ich diesem selbst gesteckten Anspruch gerecht geworden bin.
Freilich war mir dies andererseits nur möglich, weil Intuition und Hellsicht den Menschen seit jeher als eingeborene Talente begleiten; ja, mancher mag diese Begabung gar zu den Instinkten zählen. Jedenfalls sind es archaische Eigenschaften, die wir trotz der allgegenwärtigen Vormacht der Vernunft gerade auch wegen ihrer Urmächtigkeit nicht verkümmern lassen sollten. Vielmehr sollten wir uns bewusst auf diese Talente besinnen. Nur dann können wir sie soweit verfeinern, dass wir die in die Zukunft gerichtete Wirkung alltäglicher Ansätze, Entwicklungen und Zeichen vorausschauend erfassen und sie wie uns in positiver Weise intuitiv korrigieren. In diesem Sinne riet ich einer mich konsultierenden Therapeutin in einem sich über ein Jahr hinziehenden Lehrbriefwechsel abschließend: »Und glauben Sie mir, irgendwann werden Sie die Wahrsagekugel beiseite stellen, weil Sie keine Fragen mehr an sie haben werden; denn Sie werden die Antworten längst leben, bevor sie fragend bedacht werden können. Und dann werden Sie auf Ihrem ureigensten Weg sein, auf dem Sie um Ihr Geschick wissen und es gleichwohl alltäglich erneut formen. – So werden wir zu Akteuren und Betrachtern unserer selbst, haltlos in furchtlosem weil ewigem Fall. Hellsehen und Wahrsagen sind dann weil selbstverständlich als Fakt so unbedeutend, wie sich zu kratzen, wenn es juckt. Und solange Sie die Leichtigkeit bei Ihren Übungen nicht verlieren, werden Sie meinem Gefühl nach diese Selbstverständlichkeit alsbald annehmen können.«
Zu guter Letzt danke ich dem Erd Verlag dafür, dass er dieses mittlerweile als Standardwerk zum Erlernen der Wahrsagekunst anerkannte Buch neu herausgibt. Mit der Vorlage der von mir hierzu überarbeiteten Schrift wird es auch weiterhin vielen Suchenden und Fühligen ermöglicht, ihrer Intuition einen festen Grund und ihrer Schau jene Verlässlichkeit zu geben; dank derer sich ihre »außersinnliche« Begabung zu einem vollwertigen sechsten Sinn ausbildet.
München, im Frühjahr 2003